Sprengel Museum Hannover – Grafische Sammlung >>>

Ausstellung:

Antje Schiffers – Ländliche Produktivkräfte

Mittwoch, 16. September 2020 – Sonntag, 17. Januar 2021

 

 

Die Ausstellung findet anlässlich des Erscheinens des 75. Bandes der von der Stiftung Niedersachsen herausgegebenen Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“ statt. Das Buch ist mit einem essayistischen Text der Schriftstellerin Katharina Hacker und zahlreichen Abbildungen eine umfangreiche Darstellung der Arbeit von Antje Schiffers.

In einer Art Feldforschung begibt sich Antje Schiffers in verschiedene Kontexte und Kooperationen: „Als Wandermalerin bin ich durch Russland, Kasachstan und Kirgistan gereist und habe Bilder gemalt gegen Kost und Logis. Ich war Botschafterin und Korrespondentin eines Leipziger Museums in Osteuropa und Blumenzeichnerin in Mexiko. Ich habe mich in der Reifenindustrie um eine Anstellung als Werkkünstlerin beworben, so, als ob es eine solche Stelle gäbe. Mein Interesse ist in weiten Teilen identisch mit dem des Ethnografen. Dabei teile ich mit ihm nicht nur die Neugier für das Andere und Fremde, sondern auch für methodologische und erkenntnistheoretische Fragestellungen: die Zweifel an der Erfahrbarkeit dessen, was fremd ist, die Suche nach Methoden der Annäherung an andere Wirklichkeiten wie nach Möglichkeiten ihrer Repräsentation.“

Ein Fokus liegt dabei auf dem ländlichen Raum, den Schiffers als komplexen Ort kultureller Produktion versteht, vor allem in ihrer intensiven Zusammenarbeit mit der Künstlerinneninitiative Myvillages, die sie 2003 gemeinsam mit Wapke Feenstra, Rotterdam, und Kathrin Böhm, London, gegründet hat (www.myvillages.org). Dabei finden soziale und geografische Bedingungen ebenso wie politische und ökonomische Aspekte Eingang in ihre Arbeit, stets in einer intensiven Interaktion mit den Menschen vor Ort.

Für das Sprengel Museum Hannover hat Antje Schiffers einen Parcours aus verschiedenen Projekten ihrer Arbeit für die Museumsstraße quer durch den Altbau entwickelt. Zwischen den Wänden der hinteren Museumstrasse entstand eine Installation des Kulissenfundus, den sie für einen Kongress zu Alltag, Politik und Kultur im ländlichen Raum angelegt hat, initiiert von TRAFO, einem Förderprogramm der Kulturstiftung des Bundes. Alle Vortragenden wählten sich aus dem öffentlich Fundus die Kulisse, vor der sie beim Kongress sprechen wollten. Das den Kulissenfundus flankierende Wandbild zeigt ein Kulissenmotiv, - die grafische S/W -Darstellung eines Feldes auf der Schwäbischen Alb.

Auf dem Museumsplatz wird eine Version des „International Village Shop“, einem Langzeitprojekt von Myvillages gezeigt. Hier finden die Besucher*innen Objekte, Dinge und Gebrauchsgegenstände, die die Künstlerinnen gemeinsam mit Dorfbewohner*innen in aller Welt entwickelt haben und die es in derzeit drei permanenten ländlichen Läden zu kaufen gibt. Sie zeugen von lokalen Ressourcen, von Fertigkeiten und kollektiver Ideenproduktion, von internationalem Austausch und regionaler Zusammenarbeit. Ein Video aus dem russischen Dorf Zvizzchi führt in die Produkte des Dorfladens ein.

Die Ausgangsbasis für die gezeigten Filme aus dem Archiv „Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“ ist ein Tauschgeschäft. Schiffers bietet Bauern an, ihren Hof zu malen im Tausch gegen ein Video, in dem die Bäuerinnen und Bauern, ihre Arbeit und ihren Alltag darstellen, filmen und kommentieren. Das Archiv des Langzeitprojektes enthält heute, 2020, 39 Filme aus Rumänien und Mazedonien, England und Wales, Spanien, Ungarn, Österreich, der Schweiz, Deutschland und Südafrika, gefilmt von Milchviehhaltern, Gänsemästerinnen, Produzenten von Wassermelonen, Spargel, Wein oder roten Zwiebeln, von Schafhirten, Schweinemästern und Ackerbauern, auf Großbetrieben und in kleinbäuerlicher Subsistenzwirtschaft (www.ichbingernebauer.eu).

Das großformatige Wandbild auf dem Museumsplatz geht auf eine Zeichnung zurück, die 2001 in Italien entstanden ist, auf einer langen Reise, bei der Antje Schiffers Bilder malte gegen Kost und Logis, ganz so, wie es in ihrer Vorstellung die deutschen Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts taten, die einmal im Leben Italien sehen wollten.

In den unterschiedlichen Inszenierungen auf der Museumsstraße und dem Museumsplatz werden die „ländlichen Produktivkräfte“ durch Filme, Objekte und Bilder (re)aktiviert. Die einzelnen Projekte, die auf dem Schiffers-Parcours vorgestellt werden, sind nicht abgeschlossen, sondern verstehen sich als „works in progress“, die je nach Ort und Kontext verändert und modifiziert werden können und so immer wieder neu und anders die kulturelle Hierarchie zwischen Stadt und Land in Frage stellen.

Antje Schiffers wurde 1967 in Heiligendorf bei Wolfsburg geboren und lebt in Berlin. Sie studierte an der TU Braunschweig und der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und war Meisterschülerin bei Walter Dahn. Seit 2003 arbeitet sie mit Kathrin Böhm (GB) und Wapke Feenstra (NL) in der Künstlerinitiative Myvillages.

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